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5. März 2021

Frauen im Handwerk: Die glückliche Minderheit

Frauen im Handwerk: Die glückliche Minderheit

Berlin, 5. März 2021 – Lange galt das Handwerk in weiten Teilen als Männerdomäne. Heute kommt es bei den Auszubildenden immerhin auf einen Frauenanteil von 18,3 %. Sieht man genauer hin, sind es aber vor allem handwerkliche Berufe aus dem kreativen Bereich, die von Frauen ergriffen werden. Die Kosmetik ist mit einem Frauenanteil von 99,2 % fast vollständig in weiblicher Hand. Dicht gefolgt vom Maßschneider- (84 %) und Konditorenhandwerk (80,4 %), den Gold- und Silberschmieden (76,6 %) und Friseuren mit 74,7 %. In den gewerblich-technischen Berufen sieht das Bild deutlich anders aus. Bei beispielsweise den Maurern und Betonbauern (Frauenanteil 1,1 %), den Informationstechnikern (1,9%) und den Klempnern/Spenglern (2,1 %) sind Frauen rar.

Ein Lichtblick: Einige gewerblich-technische Berufe konnten ihren Frauenanteil in den vergangenen Jahren deutlich steigern. Im Zweiradmechaniker-Handwerk wurden 2019 beispielsweise 61 Frauen mehr ausgebildet als noch 2017, eine Steigerung des Frauenanteils um 2,3 Prozentpunkte auf nunmehr 9,2 Prozent. Bei den Tischlern waren es 213 weibliche Azubis mehr als 2017 – eine Steigerung von 0,8 % auf 13,1 % Frauenanteil. Die Beispiele zeigen, dass es gelingen kann, mehr Frauen für diese Berufe zu begeistern.

WOLLSEIFER: „WIR WOLLEN FRAUEN ZU EINER BERUFSWAHL JENSEITS VON KLISCHEES ERMUTIGEN.“

Darum bemüht sich auch die Handwerksorganisation. Mit einer Imagekampagne, Engagement beim Girls Day und viel regionalem Engagement. „Wir wollen Frauen zu einer Berufswahl jenseits von Klischees ermutigen. Frauen für gewerblich-technische Berufe zu begeistern, ist nicht nur wichtig mit Blick auf die Fachkräftesicherung. In der höheren Diversität der Mitarbeiterschaft steckt großes Potential für unsere Betriebe“, erklärt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer.

Das sieht auch die junge Glasergesellin Cecile Höllmüller so, die sich mehr Frauen auf der Baustelle wünscht. „Dort bin ich häufig die einzige Frau. Es wäre schön, wenn das anders wäre. Denn mit mehr Frauen kann eine Baustelle anders ablaufen, weil Frauen oft andere Lösungsansätze haben als Männer“, so Höllmüller. Sie ruft Frauen dazu auf, mehr Mut zu zeigen. Es sei wichtig, dass „junge Frauen keine Angst haben, sich einen ‚männlichen‘ Handwerksberuf anzuschauen und es nicht grundsätzlich ausschließen. Sonst könnte ihnen ihr Traumberuf entgehen“, erklärt sie. Für sie selbst war die Männerdominanz in ihrem Gewerk kein Grund, von ihrer Berufswahl Abstand zu nehmen. „Es war von Kollegenseite nie ein Problem, dass ich eine Frau bin. Höchstens der eine oder andere Kunde hat gefragt: Oh, kann die das?“, so Höllmüller.

Eine Erklärung, warum immer noch wenige Frauen den Schritt in einen gewerblich-technischen Beruf wagen, hat Doreen Gaumann parat: „Viele Frauen haben Sorgen, dass sie nicht anerkannt werden, man sie nicht respektiert oder sie den Beruf körperlich nicht schaffen,“ erklärt die 29-jährige Braumeisterin. „Am Ende kommt es aber drauf an, was man draus macht. Man wächst mit jeder Situation und jedem Erlebnis, das man hat.“

STUDIE ÜBERRASCHT MIT BESONDERS HOHEN ZUFRIEDENHEITSWERTEN VON FRAUEN IM HANDWERK

Entscheiden sich Frauen bewusst für einen Handwerksberuf, haben sie nicht nur sehr gute Zukunftsaussichten, sondern sind häufig auch besonders erfüllt mit ihrer Berufswahl. Dies belegt eine Studie von Dr. Ann-Kathrin Blankenberg vom Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung der Georg-August-Universität Göttingen, in der fast 2.000 Handwerkerinnen und Handwerker befragt wurden. Frauen äußern in der Studie „Handwerksstolz“ besonders hohe Zufriedenheit mit ihrem Beruf. 86,6 % der befragten Frauen gibt der Handwerksberuf ein gutes Gefühl (Durchschnitt aller Befragte liegt bei 78,2 %). 86,8 % der befragten Handwerkerinnen sehen in ihrem Beruf ihre Leidenschaft (Durchschnitt aller Befragten 83,3 %).

Erfreulich ist zudem, dass sich viele Frauen im Handwerk ehrgeizige berufliche Ziele stecken. So wird jeder 5. Handwerksbetrieb inzwischen von einer Frau geführt. Und 3.436 erfolgreiche Absolventinnen haben 2019 mit der Meisterprüfung den Grundstein für eine Selbständigkeit im Handwerk gelegt. Für Braumeisterin Doreen Gaumann kann das dennoch nur ein Anfang sein: „Ich bin jetzt seit 10 Jahren in diesem Beruf und werde anerkannt. Aber es ist leider immer noch etwas Besonderes.“

ÜBER DIE ZITATGEBER

Hans Peter Wollseifer (65) ist Maler- und Lackierermeister und setzt sich seit 2014 als Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks für die Interessen des Handwerks ein.

Cecile Höllmüller (23) entschied sich nach dem Fachabitur für ein Praktikum im Glaserhandwerk und entdeckte ihre Leidenschaft für die Werkstoffe und den Mix aus körperlicher und kreativer Arbeit. 2020 schloss sie ihre Ausbildung als beste Gesellin Deutschlands ab.

Doreen Gaumann (29) ist Braumeisterin und hat direkt nach dem Abitur eine Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin gemacht. 2015 schloss sie die Meisterausbildung ab und ist seitdem in einer kleineren Brauerei tätig. Sie schätzt daran die Abwechslung und an allen Prozessen beteiligt zu sein, vom Einkauf bis zur Abfüllung.

ÜBER DIE STUDIE

Dr. Ann-Kathrin Blankenberg vom Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung der Georg-August-Universität Göttingen hat von Dezember 2017 bis März 2018 die nicht repräsentativen Online-Befragung „Handwerksstolz“ mit 1930 Befragten durchgeführt. Der Fokus der Datenerhebung lag darauf, einen Einblick in das berufliche Selbstbild und die Arbeitszufriedenheit der 5,5 Mio. Beschäftigten im deutschen Handwerk zu erhalten.

ÜBER DIE IMAGEKAMPAGNE

Seit 2010 führt das deutsche Handwerk eine bundesweite Imagekampagne durch, um die Bedeutung des Handwerks in der Öffentlichkeit zu stärken und junge Menschen für eine Ausbildung in einem von über 130 Handwerksberufen zu begeistern. Auch junge Frauen sollen dabei immer wieder gezielt angesprochen werden. Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März 2021 hat das Handwerk eine „Ode an Handwerkerinnen“ auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlicht. Ein Jahr zuvor hatte die Branche bereits mit einem Social-Media-Video humorvoll mit „Frauen-Klischees“ aufgeräumt.

*Bildquelle Teaser: Doreen Gaumann/Glaserei Späth

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