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„Vor fünf Jahren hat sich niemand vorgestellt, dass sich jemand über WhatsApp bewirbt.“

Die familiengeführte Unternehmensgruppe Heinrich Schmid ist mit über 150 Standorten im deutschsprachigen Raum, Frankreich und Spanien (Mallorca) eine der größten handwerklichen Unternehmensgruppen Europas und vereint eine große Anzahl an verschiedenen Gewerken. Andrea Delic (26) ist seit zwei Jahren für die Auszubildenden- und Personalgewinnung mitverantwortlich. Sie ist gelernte Personaldienstleistungskauffrau und studiert nebenberuflich Wirtschaftspsychologie.
Max Schmid (29) absolvierte zunächst ein Studium zum Wirtschaftsingenieur, machte anschließend im familieneigenen Unternehmen eine Ausbildung zum Trockenbaumonteur und darauffolgend seinen Meister. Heute vertreten seine beiden Brüder und er die 4. Generation der Familie.

Heinrich Schmid wird jetzt in vierter Generation geführt. Was werden die größten Herausforderungen der Zukunft sein?

Schmid: Die Frage ist: Wie bietet man jungen Menschen eine Zukunft im Handwerk? Wie kann das Handwerk mit anderen Branchen mithalten? – Darauf gibt es Antworten: Hierbei sind Weiterbildung und Karriere aus unserer Sicht wichtige Bausteine. Wir bieten unseren Mitarbeitern beispielsweise die Möglichkeit, bei uns den Weg von der Hauptschule bis zur Hochschule zu gehen. Parallel dazu kann man (sich als Führungskraft weiterentwickeln und) eine Karriere vom Azubi zum Regionalleiter machen. Diese konkreten Perspektiven begeistern junge Menschen.

Delic: Auch das Image des Handwerks muss nach außen noch attraktiver werden. Daran müssen wir alle mitarbeiten und zeigen, dass das Handwerk mehr Chancen bietet, als es auf den ersten Moment vielleicht scheint.

Seit 2010 feilt das Handwerk mit einer bundesweiten Kampagne an seinem Image. Und das mit deutlichen Erfolgen. Die Wahrnehmung des Handwerks in der Öffentlichkeit konnte seit dem Kampagnenstart nahezu verdoppelt werden und die Bedeutung des Handwerks ist auf einem Wert angekommen, der sich kaum mehr steigern lässt. 94 Prozent der Befragten, gaben bei einer Forsa-Untersuchung 2020 an, das Handwerk sei für sie persönlich unverzichtbar. Trotzdem heißt es in Sachen Image weiterhin: Nicht lockerlassen. Denn gerade junge Menschen haben gegenüber einer Ausbildung im Handwerk als Karriereoption noch viele Vorbehalte. Wollen auch Sie am Image des Handwerks rütteln? Dann nutzen Sie die kostenlosen Materialien der Kampagne im Werbeportal.

 

In den letzten 20 Jahren haben Sie Ihre Mitarbeiterzahl verdoppelt. Wie begegnet man einer solchen Aufgabe?

Schmid: Uns ist bewusst: Wenn wir als Unternehmen wachsen wollen, müssen wir auch unseren Mitarbeitern eine Perspektive geben. Deswegen haben wir vor über 30 Jahren die Führungsakademie gegründet, eine interne Weiterbildungsakademie mit speziellen Kursen für den beruflichen Alltag. Zu Anfangszeiten hat mein Vater auch selbst viele Kurse gegeben. Wir möchten Mitarbeitern auf diese Weise zeigen, dass eine Karriere im Handwerk möglich ist.

Delic: Die meisten Bewerber kommen aufgrund der Weiterbildungsmöglichkeiten zu uns. Die Befürchtung der Eltern ist doch immer: Oh mein Gott, mein Kind wird sein Leben auf der Baustelle verbringen. Wir zeigen stattdessen, dass es Alternativen gibt und es auch möglich ist, sich im Laufe der Karriere zu einer Führungskraft zu entwickeln, wenn der Mitarbeiter das möchte.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Betrieb?

Nicht jeder Betrieb kann gleich seine eigene Akademie gründen. Trotzdem haben auch Sie die Möglichkeit, Ihre Ausbildungsangebote attraktiver zu machen, zum Beispiel indem Sie die Ausbildung in Ihrem Betrieb mit Zusatzqualifikationen (z. B. Abitur oder Fachhochschulreife) oder auch mit einem Studium („Duales Studium“) verknüpfen. Eine bundesweite Datenbank mit Angeboten finden Sie unter: https://www.ausbildungplus.de/. Seit 2017 gibt es in einigen Bundesländern auch das BerufsAbitur. Wenn Sie Fragen zu den einzelnen Möglichkeiten haben, überstützen die Ausbildungsberater der Handwerkskammern Sie sehr gern.

 

Wie hat sich die Suche nach geeigneten Auszubildenden in den letzten Jahren verändert?

Schmid: Bewerber informieren sich heutzutage anders über Unternehmen. Mit dem Smartphone liegt die ganze Welt auf der Hand. Ob Social Media oder Online Portale, die Transparenz von Betrieben ist einfach größer geworden. Darauf reagieren wir.

Delic: Wir sind in den Schulen unterwegs und daraus resultieren die meisten Praktika. Wir machen aber mittlerweile auch viel Werbung in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram, weil wir dort die Zielgruppe erreichen. 

Brauchen Sie Hilfestellung bei der Azubi-Akquise?

Handwerksbetriebe können offene Lehrstellen kostenlos im Lehrstellenradar der Handwerkskammern eintragen lassen.

Im Werbeportal der Handwerkskampagne haben Sie zudem die Möglichkeit, sich Ausbildungsmotive zu individualisieren und damit zum Beispiel auf ihre offenen Ausbildungsstellen auf Ihrer Webseite oder in den sozialen Medien hinzuweisen.

Wenn Sie bei der jungen Zielgruppe punkten wollen, sollten Sie auch darauf achten, wie es um Ihren Ruf im Netz bestellt ist. Zum Beispiel bei den Google Rezensionen. Wie Sie damit umgehen können, erfahren Sie hier.

Und wenn Sie noch mehr Unterstützung brauchen: Die meisten Handwerkskammern haben „Passgenaue Besetzer“, die Betrieben kostenlos bei der Suche nach den passenden Nachwuchskräften helfen. Eine interaktive Karte mit den Ansprechpartnern finden Sie hier.

 

Wie hat sich die Suche im vergangenen Corona-Jahr gestaltet?

Delic: Während des ersten Lockdowns wurde es plötzlich sehr ruhig. Im Juli gingen die Bewerbungen dann steil nach oben. Am Ende haben wir mehr Auszubildende eingestellt als geplant. Handwerk ist bei den Bewerbern wieder attraktiv, da die Leute in unsicheren Zeiten nach einem erfüllenden Beruf für die Zukunft suchen. Hier hat sich auch ausgezahlt, dass wir lange und sehr gut mit Schulen und Bildungsträgern zusammenarbeiten und uns Schüler schon aus unteren Stufen kannten.

Wie hat sich das Bewerbungsverhalten verändert?

Delic: Vor fünf Jahren hat sich niemand vorgestellt, dass sich jemand über WhatsApp bewirbt. Heute ist das bei den Azubis normal. Man muss auch Verständnis dafür haben, dass der Lebenslauf in einer WhatsApp geschickt wird. Denn nicht jeder hat Zugang zu Computer oder Laptop. Dafür gibt es kaum noch Postbewerbungen, aber viele per Mail und über die Website.

Schmid: Es gibt grandiose Handwerker, die keinen schönen Lebenslauf als PDF zusammen bekommen. Und wir brauchen gute Handwerker. Da ist es für mich wichtig, was das für ein Mensch ist und was für eine Persönlichkeit dahintersteckt.

Brauchen Sie Hilfestellung bei der Azubi-Akquise?

Bewerbungen per Smartphone sind bei der Jugend im Kommen. Wenn auch Sie interessierten Jugendlichen die Möglichkeit geben wollen, sich auf diesem innovativen Weg zu bewerben, haben wir hier ein paar Tipps für Sie.

 

Was machen Sie, um spezielle Zielgruppen wie Flüchtlinge anzusprechen?

Schmid: Das Handwerk war schon immer Motor für Integration. Ob in den 60er oder 90er Jahren oder eben jetzt. Wir arbeiten eng mit Netzwerken zusammen, durch die wir viele Anfragen von Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund bekommen.

Delic: Wir haben einen sehr guten Draht zu den Bildungsträgern, der Bundesagentur für Arbeit und den Handwerkskammern. Dadurch bekommen wir regelmäßig Kontakte von Menschen, die in ihrem Heimatland bereits Erfahrungen im Handwerk hatten. Aber auch über unsere Website wird häufig von Familien und Unterstützern angefragt oder sich initiativ beworben.

Würden auch Sie gerne einen Flüchtling für eine Ausbildung gewinnen?

Willkommenslotsen unterstützen Handwerksbetriebe kostenlos bei der Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung. Der richtige Ansprechpartner findet sich hier. Zudem kann das Förderinstrument „Assistierte Ausbildung einschließlich ausbildungsbegleitender Hilfen (AsA flex)“ bei der Qualifizierung von Ausländerinnen und Ausländer helfen. Mehr dazu gibt es hier (PDF) und hier.

 

Wie wird sich der Trend bei der Auszubildendengewinnung aus Ihrer Sicht entwickeln?

Delic: Die beste Werbung für neue Mitarbeiter sind glückliche Mitarbeiter. Wenn sie mit Hingabe vor 30 Schülern erzählen, was die Ausbildung für sie bedeutet, hat man danach 24 Praktikumszettel in der Hand. Auch rekrutieren wir bereits sehr erfolgreich durch Empfehlungen unserer Mitarbeiter auf allen Ebenen.

Schmid: Die digitale Ansprache wird gleichzeitig weiter zunehmen. Aber am Ende will ich als Bewerber sehen, wer mein zukünftiger Chef ist und wer meine Kollegen sind. Das ist auschlaggebend und dafür braucht es den persönlichen Kontakt.

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